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Geschichte | Produktion | Wirtschaftliche Bedeutung | Literatur
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Produkt aus dem Inventar des kulinarischen Erbes der Schweiz
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© Kulinarisches Erbe der Schweiz 2008
Agathabrot
Synonyme
Agathenbrot, Agathabrötli, Agathenbrötli
Verwandte Produkte
Agatharingli, Agatha-Brötli, Semmeli, Schlumbergerli
Produktionsepizentrum
Diverse Orte in der katholischen Schweiz
Zutaten
Weizenmehl, Wasser, Hefe, Salz, Malz
Beschreibung

Viele verschiedene Brotformen werden am Tag der heiligen Agatha gesegnet.

Ein einzig gültiges Rezept des Agathabrots gibt es nicht. Meist ist es ein ganz normales Brot oder Brötchen. Das Besondere am Agathabrot ist auch nicht das Brot, sondern seine Segnung am Tag der Heiligen Agatha, am 5. Februar.

Der Brauch des Agathabrotes ist in vielen katholischen Regionen verbreitet. In der Schweiz insbesondere in Freiburg, der Innerschweiz und Appenzell Innerrhoden.

In wenigen Schweizer Regionen sind besondere Agathabrote zu finden: Das Agathenringli in der Innerschweiz und das bretzelförmige Agathabrot im freiburgischen Plaffeien.

Geschichte

Was hat es nun mit dieser Heiligen Agatha auf sich? Da sich die auf Sizilien lebende Christin Agatha weigerte, den nichtchristlichen, römischen Statthalter Quintianus zu heiraten und sich vom Christentum abzuwenden, bestrafte dieser sie, indem er ihr die Brüste abschneiden liess. Als sie sich weiterhin weigerte, ihrem Glauben abzuschwören, wurde sie zu Tode gefoltert. Als am Jahrestag ihres Todes der Ätna ausbrach und die Lavamassen Catania bedrohten, versuchten die Einwohner mit dem Schleier der Agatha die Lavamassen aufzuhalten. Seitdem gilt sie als Patronin gegen Feuersgefahr und ist die Schutzpatronin von Catania. Mit der Zeit wurde Agatha ebenso zur Schutzpatronin der Feuerwehren, Glocken- und Erzgiesser, Goldschmiede, Berg- und Hochofenarbeiter, Glasmacher, Weber und Ammen.

Die früheste gefundene Erwähnung eines Brotsegens am Agathatag datiert aus dem Jahre 1466: In den Auflistungen der Ausgaben des Klosters Klingenthal in Basel wird das St. Agathenbrot aufgeführt. Laut dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erwähnte der berühmte Prediger Geiler von Kaisersberg im Jahr 1516 als erster das Agathabrotes als Mittel gegen Feuer und Brand.

Die Wirkungen des Agathabrotes sind vielfältig: Laut dem Idiotikon, dem schweizerdeutschen Wörterbuch, war es in katholischen Familien üblich, dass ein Stück Agathabrot bis zum nächsten 5. Februar im Haus zu behalten wird. Legte man in vier Ecken des Hauses ein Stück gesegnetes Brot, so sollte man vor dem Feuer verschont bleiben, so berichtet eine Quelle aus dem Jahre 1867.

Mütter versuchen, ihren ausziehenden Kindern ein Stück Agathabrot zu den Kleidern zu legen, als Mittel gegen Heimweh und damit dem Kind nichts Böses widerfährt. Deshalb wohl kommt das Agathabrot auch in Kinderreimen vor und dies auch in reformierten Gegenden: "Enegen, mänegen, tumpeti, tifi, tafi oni mi. Ägeten-Brot in der Not: dimpf, dampf duss."

Das Agathabrot schützte aber auch vor Zwergen und bösen, zauberhaften Einflüssen, so Gebäckforscher Rochholz. Mensch und Tier hilft das Essen von Agathabrot, gesund zu bleiben. Man gab bei Krankheit ein Stück vom Agathabrot in die Suppe oder ins Futter. So bekamen am Agathatag alle Haustiere (ausser dem Schwein) ihr Stück Brot, denn es soll eine beruhigende Wirkung haben und fressgierige Tiere heilen.

Bis zum 2. Weltkrieg war es in vielen Rapperswiler Familien üblich, dass der Vater das gesegnete Brot beim Mittagessen in Stücke schnitt und Frau und Kindern neben den Teller legte. Nach einem Vaterunser hat man das Brot schweigend gegessen. Ein oder zwei Stücke, meist das so genannte „Bödeli“, der Anschnitt, wurden behalten und die Mutter legte es in eine Ecke des Küchenschranks. Dies sollte die Familie davor bewahren, während des Jahres jemals ohne Brot zu sein.

Neben den Brotformen unterscheidet sich auch die Segnung von Region zu Region. Ob das Brot, der Teig oder gar das Mehl gesegnet wird, ist heute abhängig vom Pfarrer, vom Bäcker und von der Verwandtschaft des Bäckers. Ein Bäcker aus Appenzell weiss von einige Berufskollegen, dass diese über einen „eigenen“ Geistlichen in der Verwandtschaft verfügen. Dieser kommt persönlich in die Backstube, um den Segen zu sprechen. Andere Bäcker bringen die Brote in die Kirche und lassen sie während des Gottesdienstes segnen. Möglich ist es auch, dass die Gläubigen das Brot selber mitbringen. In einigen Gemeinden behalten die Gläubigen das Brot bei sich in der Kirchenbank, in anderen legen sie das Brot in den Kirchenchor. In Appenzell etwa wird heute das Agathabrot in der Kirche gesegnet und nach dem Gottesdienst auf dem Kirchenplatz und im Laden verkauft. Vor 10 Jahren haben die hiesigen Bäcker beschlossen, mit dem Brot in die Kirche zu gehen. Das gemeinsame Auftreten der Bäcker, die grosse Brotmenge und die anwesende Kirchengemeinde geben diesem Anlass eine grosse Bedeutung.

In Waldkirch (SG), Sempach (LU) und Tobel (TG) findet der Brotsegnen in der Bäckerei statt. Im Kanton Obwalden segnen einige Pfarrer das Mehl und den Hebelteig in der Backstube und die fertigen Agathenmutschli in der Kirche, in Obersaxen (GR) wird das Mehl, in Schwyz werden alle Zutaten in der Backstube gesegnet. In Werdenberg (SG) segnet der Pfarrer das Brot im Volg. In Lachen (SZ) bringen die Gläubigen das eigene Brot in die Kirche mit.

Laut Idiotikon hat dieser katholische Brauch des Brotsegnens auch die Reformierten beeinflusst. Diese buken ihr Hausbrot an jenem Tag, weil dann das Brot nie schimmelig, hart und unschmackhaft werde.

Produktion

Der befragte Bäcker aus Appenzell nimmt für die Agathabrötchen den gleichen Teig wie für die Semmeli, die Form ist jedoch unterschiedlich. Es werden je nach Bäckerei Einzel-, Doppel- oder Schildformen, also vier Brötchen aneinander, hergestellt. Die Basis für das Agathabrötchen ist ein einfacher Weissmehlteig, oft auch als Semmelteig bezeichnet. Semmelteig besteht aus Weissmehl alleine oder einer Mischung aus Weiss- und Halbweissmehl, hinzu kommt Wasser, Hefe, Levit, Malz und Salz. Selbst in den kleineren Bäckereien wird heute für die Teigproduktion eine Knetmaschine verwendet, wobei der erfahrene Bäcker die jeweilige Lufttemperatur berücksichtigt, wenn er die Menge der Hefe und die Temperatur des Wassers bestimmt. Wenn der Teig etwas geruht hat, teilt der Bäcker ihn in so genannte Brüche auf, welche er zu einer Art grosser Laibe formt. Diese lässt er wieder eine Weile ruhen. Danach gibt er den Teig in die Maschine, die den Teig in dreissig Teile zerlegt und diese rund wirkt. Je nachdem schiebt der Bäcker zwei oder vier Teile zusammen und setzt sie auf dem Blech ab. Nun folgt das Gären der Teiglinge, entweder im Gärschrank bei konstanter Wärme und hoher Luftfeuchtigkeit oder aber in der Backstube, wobei man sie dort mit einem Tuch bedeckt, damit ihre Oberfläche nicht austrocknet. Danach kommen die Teiglinge für etwa 25 Minuten in den rund 250 Grad warmen Ofen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Der befragte Bäcker aus Appenzell stellt etwa 400 Agathabrote her, grössere Bäckereien mehr und die kleineren weniger. Interessanterweise gibt es kaum Bäcker, die zum Beispiel auf ihrer Webseite Werbung für das Agathabrot machen, einige stellen eine Schiefertafel vors Geschäft. Wer regelmässig „Werbung“ für das Agathabrot macht, sind jeweils die katholischen Kirchen (Aushang an der Kirche, Kirchenblatt, Webseiten, …).

Literatur
  • Birchler, Linus, Vielfalt der Urschweiz, Walter-Verlag, Olten, 1969.
  • Imfeld, Karl, Volksbräuche und Volkskultur in Obwalden, Edition Magma/Brunner Verlag, Kriens, 2006.
  • Kamber, Werner und Hans Ulrich Gantenbein, Brot im Appenzellerland: eine Kultur, Herisau, 2001.
  • Anderes, Bernhard, Albert Hauser und Norbert Lehmann, Die Heiligen im Jahreslauf - Gedenktage, Feste, Bräuche, Seedamm-Kulturzentrum Pfäffikon SZ, Einsiedeln, 1998.
  • Hollenstein, Josef, De Usschäller. Vom Brauchtum in Rapperswil, Schriftenreihe des Heimatmuseums Rapperswil Nr. 12, Rapperswil, 1990.
  • --, http://www.frankreich-sued.de/prominente-server/Geiler-von-Kaisersburg/Geiler-von-Kaisersburg.htm, URL, --, konsultiert 5.2.
  • --, 100 Jahre Bäcker- und Konditorenmeister-Verband des Amtes Luzern, Bäcker- und Konditorenmeister-Verband des Amtes Luzern, Luzern, 1987.
  • --, Lexikon für Theologie und Kirche, Herder, Freiburg, Basel, Rom, Wien, 1993.
  • Imfeld, Karl, Volksbräuche und Volkskultur in Obwalden, Edition Magma/Brunner Verlag, Kriens, 2006.
  • Rüdisüli, Andreas, Agatha - ein legendäres Missverständnis, --, 2004.
  • --, Band 1, Walter De Gruyter & Co., Berlin, Leipzig, 1938.
  • Rückert, Alexandra M., "Bäckermöhli": Alles Gute kommt von oben, URL, --, 2003.
  • Spycher, Albert, Back es im Öfelin oder in der Tortenpfann, Schwabe AG, Basel, 2008.
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